Unsocial Distancing?

Thomas Kast, Geschäftsführer der Zahnärztekasse AG
Telefon 043 477 66 66, kast@zakag.ch

Corona hat die Welt voll im Griff. Wer noch im Mai dieses Jahres der Meinung war, das Schlimmste sei bald überstanden, täuschte sich. Die misslichen Rahmenbedingungen haben zahlreiche KMU in existenzielle Nöte gebracht. Nicht zuletzt, weil sie in den guten Jahren die Sicherung einer ausreichenden Liquidität vernachlässigten. Andererseits gibt es auch viele Unternehmen, die mit den Auswirkungen der Pandemie erstaunlich souverän umgehen. Zu der zweiten Gruppe dürfte eine deutliche Mehrheit der Zahnarztpraxen gehören.

Das «neue Normal»

Nach der vom Bund verordneten rund sechswöchigen Stilllegung der Wirtschaft hat die Branche der Zahnmedizin die vom BAG vorgeschriebenen und von der SSO mitgetragenen Schutzkonzepte zügig umgesetzt. Damit fanden sich die Zahnarztpraxen in einem ähnlichen Zustand wieder, der in den Medien im Zusammenhang mit den schweizweit verhängten Hygiene- und Verhaltensregeln etwas salopp als das neue Normal bezeichnet wurde. Als eine der zentralen Schutzmassnahmen propagierten die staatlichen Hüter unserer Gesundheit das Einhalten von Mindestabständen und werden nicht müde, uns immer wieder daran zu erinnern.

Social Distancing – wirklich sozial?

Rein gesundheitlich gesehen, ist Social Distancing zweifellos sozialverträglich. Ob die Distanzregel hingegen der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen förderlich ist, darf bezweifelt werden. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ist soziale Distanz ein Widerspruch in sich. Social Distancing steht auch quer zur Geschäftsphilosophie jeder Zahnarztpraxis, die sich Nähe zu Patientinnen und Patienten auf die Fahne geschrieben hat. Plexiglasscheiben an der Empfangstheke wirken wenig einladend. Freundlichkeit öffnet Herzen, aber das freundlichste Lächeln löst keinen Effekt aus, wenn es von einer Maske verhüllt wird. Der einzuhaltende Mindestabstand von 1,5 Meter zwischen Patienten im Wartezimmer und das ständig mit Desinfektionsmitteln herumwuselnde Personal fördern das ungute Gefühl, sich in einem Ausnahmezustand zu befinden.

Auch der Teamgeist in der Praxis leidet, wenn die Mitarbeitenden bei der Arbeit und in den Pausen ständig gegenseitig Distanz halten müssen. Gerade in einer Zeit, in der das Praxispersonal mit der Umsetzung der zahnärztlichen Hygienemassnahmen eine ganze Reihe von zusätzlichen Arbeiten bewältigen muss, wäre die Förderung des Zusammenhalts und die Vermeidung von Stresssituationen besonders wichtig.

Nähe: eine Frage der Haltung

Die rigorose Umsetzung der Covid-19 Vorgaben mag für die Zahnarztpraxis aufwendig und unbequem sein. Dass sie Sinn ergibt und notwendig ist, wird jedoch kaum jemand bestreiten. Bleibt unter diesen Voraussetzungen die Nähe zu den Patientinnen und Patienten und ihren Bedürfnissen zwangsläufig auf der Strecke? Kundennähe ist ein Wert, der sich nicht mit dem Metermass definieren lässt. Es geht vielmehr um eine Haltung: Die geeignetsten Mittel für die Überbrückung von physischer Distanz sind Freundlichkeit, Zuvorkommenheit, Hilfsbereitschaft und Empathie. Ebenso wichtig ist eine tadellose Servicequalität, zu der auch eine professionelle Beratung für die Finanzierung von zahnmedizinischen Behandlungen und die Möglichkeit von Teilzahlung gehören.

Unsocial Distancing lässt sich vermeiden, wenn es gelingt, den Patientinnen und Patienten trotz Trennscheiben und Masken Wertschätzung entgegenzubringen. Und sie mit einer exzellenten Betreuung vor, während und nach dem Zahnarztbesuch zu verwöhnen.